Lesung im Brauereikeller Fürstenwalde erinnert an Schicksale zwischen zwei Diktaturen Fürstenwalde.

Im Rahmen der Ausstellung „Niemandsland“ fand am Mittwochabend im Brauereikeller des Museums Fürstenwalde eine eindrucksvolle Lesung statt. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher waren gekommen, um Lebensgeschichten von Menschen zu hören, die von den dramatischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts geprägt wurden. Die Veranstaltung begann um 18.30 Uhr und stellte vier Biografien in den Mittelpunkt, die beispielhaft für viele Schicksale der Nachkriegszeit stehen.

In der einführenden Moderation durch Museumsleiter Herrn Strohfeld und Herrn Pötsch wurde das Publikum eingeladen, den Blick auf Menschen zu richten, die extreme Gewalt, politische Willkür und Lagerhaft erleben mussten – und dennoch Wege fanden, zu überleben und ihr Leben neu aufzubauen.

Die erste Lesung übernahm Charlotte Fischer, Schülerin des OSZ Oder-Spree. Sie stellte die Lebensgeschichte von Georg Krausz vor. Nach Jahren im Konzentrationslager Buchenwald glaubte er 1945, die dunkelste Zeit seines Lebens überstanden zu haben. Doch kurz nach seiner Befreiung wurde er erneut verhaftet und in sowjetische Speziallager verschleppt. Sein Lebensweg steht beispielhaft für Menschen, die nach der Verfolgung durch das NS-Regime ein zweites Mal Opfer politischer Repression wurden.

Die zweite Lesung gestaltete Hannah Manietta, ebenfalls Schülerin des OSZ Oder-Spree. Sie schilderte den Lebensweg von Willi Leppler, der als Jugendlicher in den Strudel der Nachkriegszeit geriet. Zwischen westlicher Gefangenschaft und sowjetischer Verhaftung musste er früh erfahren, wie wenig Einfluss der Einzelne auf sein eigenes Schicksal haben konnte. Trotz dieser Erfahrungen gelang es ihm später, seinen Weg neu zu gestalten: Er wurde Lehrer und engagierte sich als Zeitzeuge, um über die Erfahrungen seiner Generation zu berichten.

Den dritten Teil der Lesung übernahm erneut Charlotte Fischer. Sie erzählte die Geschichte der Schauspielerin Marianne Simson, die einen anderen Blick auf das Leben in den sowjetischen Lagern eröffnete. Die bekannte Film- und Theaterschauspielerin geriet nach dem Krieg ebenfalls in Haft. Im Lager hielt sie für ihre Mitgefangenen kleine Vorträge über ihre Arbeit am Theater und beim Film. Für diese Momente kultureller Erinnerung erhielt sie eine Scheibe Brot – vor allem aber spendeten ihre Erzählungen Hoffnung und bewahrten ein Stück menschlicher Würde inmitten von Hunger und Kälte.

Den Abschluss der Veranstaltung gestaltete Prof. Dr. Wolf D. Hartmann, der die Lebensgeschichte des Olympiasiegers im Rudern, Walter Meyer, eher in Form einer Präsentation vorstellte. Dabei wurde nicht nur auf Meyers sportliche Erfolge eingegangen, sondern auch auf die widersprüchlichen Seiten seiner Biografie. Meyer war 1933 der NSDAP beigetreten, leitete später die Zuckerfabrik in Tangermünde und beschäftigte während derNS-Zeit Zwangsarbeiter. Nach Kriegsende wurde er 1945 verhaftet, kam zunächst in das Lager Ketschendorf, anschließend nach Fünfeichen und schließlich in das Speziallager

Buchenwald, wo er starb. Die Lesung machte deutlich, dass diese vier Lebenswege stellvertretend für viele Menschen stehen, die zwischen politischen Systemen, Ideologien und Machtinteressen zerrieben wurden. Zugleich zeigten die Geschichten Mut, Widerstandskraft und den Willen, das Erlebte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Mit der Veranstaltung knüpfte das Museum Fürstenwalde an das zentrale Anliegen der Ausstellung „Niemandsland“ an: die Erinnerung an Menschen wachzuhalten, deren Lebenswege zwischen die politischen Fronten der Geschichte gerieten – und deren Erfahrungen bis heute mahnen, die Vergangenheit nicht zu verdrängen.

Weitere Nachrichten und Aktivitäten